Blind-Date im Bücherbus

Wer keine eigene Bücherei im Dorf hat, schaut in den ländlichen Regionen Schleswig-Holsteins einfach im Bücherbus vorbei. Tabea Mau und Volker Andresen steuern in der „Fahrbücherei 14“ im Kreis Ostholstein monatlich insgesamt 132 Haltepunkte in 22 Gemeinden an – persönlicher Service und Überraschungen sind inklusive.

Volker Andresen und Tabea Mau: Sie sind das Team der fahrenden Bücherei in Ostholstein.

Volker Andresen und Tabea Mau: Sie sind das Team der fahrenden Bücherei in Ostholstein.

Ein Dienstag im April, das Wetter passt zum Monat. Nicht richtig kalt, aber grau und regnerisch ist es an diesem Vormittag in Schönwalde in Ostholstein, keine 20 Kilometer von der Ostseeküste entfernt. Es ist 11 Uhr, einige Dorfbewohner kaufen am Fischstand fürs Mittagessen ein, andere stehen beim Obsthändler in der Schlange. Dann ertönt eine Hupe:

Was diese Melodie zu bedeuten hat, weiß hier fast jeder: Der Bücherbus ist da. Schon seit 1981 gibt es die Fahrbüchereien in ländlichen Regionen Schleswig-Holsteins – sie statten die Gemeinden mit Büchern und anderen Medien aus, die keine eigene, fest installierte Bibliothek vor Ort haben.

Der Bücherbus von außen, hier am Haltepunkt in Dahme an der Ostsee.

Der Bücherbus von außen, hier am Haltepunkt in Dahme an der Ostsee.

Tabea Mau leitet die Fahrbücherei 14, die vom Depot in Eutin aus die Gemeinden im Landkreis Ostholstein ansteuert. Kaum ist die Hupe abgeklungen, verlässt sie ihren Platz auf dem Beifahrersitz und entriegelt die Sicherung der Schubladen im Bus, die dafür sorgen, dass die CD-Hüllen während der Fahrt nicht auf den Boden fallen. Ihr Kollege, Busfahrer Volker Andresen, bedient derweil die Bibliotheks-Software. Nach drei Jahren im Bücherbus mit vier Einsätzen pro Woche sind die beiden ein eingespieltes Team. Während Mau und Andresen arbeiten, brodelt neben dem Ausleihtresen die Kaffeemaschine. Sie sorgt „für den Treibstoff einer guten Fahrbücherei“, finden sie. Mau hat ein paar Hörbücher herausgesucht, gießt eine Tasse Kaffee ein und läuft zum Markt hinüber. „Am Dienstag kochen wir immer extra viel Kaffee“, berichtet sie. Kurz darauf ist der Obsthändler von nebenan nicht nur mit Koffein, sondern auch mit Unterhaltung versorgt: „Die Hörbücher, die ich ihm mitbringe, hört er sich immer auf der Fahrt zum Großhändler an.“

Bibliothekarin Tabea Mau an ihrem Arbeitsplatz in der

Bibliothekarin Tabea Mau an ihrem Arbeitsplatz in der „Fahrbücherei 14“. Im Hintergrund ihr Kollege und Busfahrer Volker Andresen.

Mau und Andresen kennen praktisch all ihre Kunden beim Namen, etwa 2000 sind es im Landkreis, darunter viele Kinder und Jugendliche. Für die Bibliothekarin, die schon kurz nach ihrem Studium in Leipzig in den hohen Norden zog, ist der Bus nicht nur Bücherei, sondern auch ein Ort, der Menschen zusammenbringt. „Der soziale Faktor spielt für viele eine große Rolle“, sagt Mau, im Bücherbus trifft man auf Nachbarn, Freunde und Verwandte. Und kann darüber schnacken, was es Neues gibt. Da in den Gemeinden derzeit auch immer mehr Flüchtlinge leben, hat Mau eingekauft und das Angebot der Fahrbücherei erweitert. Zu deutschen Autoren hat sich arabischsprachige Literatur gesellt, und in der Kinderecke werden kleine Neu-Ostholsteiner beim zweisprachigen Bilderbuch „Wer hat mein Eis gegessen?“ fündig.

Volker Andresen scannt zurück gegebene Bücher ins Bibliothekssystem ein, während sich junge Bücherbus-Nutzerinnen Nachschub beschaffen.

Volker Andresen scannt zurück gegebene Bücher ins Bibliothekssystem ein, während sich junge Bücherbus-Nutzerinnen Nachschub beschaffen.

Mau und Andresen haben Schönwalde mittlerweile verlassen, der Bus-Fahrplan an diesem Dienstag sieht vor, dass es weiter Richtung Osten an die Küste geht. In Kellenhusen greift eine ältere Dame interessiert zu einem Päckchen, das in silbernes Geschenkpapier eingewickelt ist und die Aufschrift „Abenteuer“ trägt. Es gehört zu der Reihe „Blind Date mit einem Buch“, das sind Neuerscheinungen, von denen Tabea Mau den Lesern lediglich das Genre verrät. „Das Blind Date ist für alle da, die sich überraschen lassen oder nicht herumsuchen mögen“, erklärt Mau.

Das Bind-Date mit einem Buch.

Das Bind-Date mit einem Buch.

Etwa 5000 Medien finden in der Fahrbücherei Platz, neben Büchern hat Mau auch Hörbücher, Zeitschriften, CDs, DVDs, Konsolenspiele und Gesellschaftsspiele ausgewählt. Je nach Jahreszeit oder bei besonderen Anlässen bringt sie passende Medien aus dem Depot in Eutin mit in den Bus. Sachbücher mit Frühlings-Basteltipps sind diesmal darunter, und „Die Blechtrommel“ von Günter Grass. Er ist einen Tag zuvor nicht weit weg von hier in Lübeck gestorben. Besonders häufig scannt das Bücherbusteam an diesem Dienstag skandinavische Krimis, Geschichten der drei Fragezeichen und Kochbücher ins Bibliothekssystem ein. Neben klassischen Bestsellern kommen in der norddeutschen Provinz aber auch ein paar ganz spezielle Medien gut an. „Ich wollte die Zeitschrift ‚Wild und Hund‘ eigentlich schon aus dem Angebot nehmen“, sagt die gebürtige Thüringerin Mau lachend, „aber als einige Kunden protestiert haben, war mir klar, dass ich das lieber lasse.“ Der Bücherbus ist für Mau eine „mobile Wissenstankstelle“ – hier sollen alle finden, was sie suchen.

Text und Fotos: Felicitas Wilke

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