Ein Hauch von Mailand in Mittelfranken

Ein bisschen Glamour in der Provinz: Sonja Fischer ist Friseur-Weltmeisterin und schlug Angebote aus Hollywood aus, um weiterhin im heimischen Salon in Diepersdorf im Nürnberger Land Haare schneiden zu können. Wenn in ihrem Salon internationaler Chic auf fränkische Gelassenheit trifft, ist das für die 42-Jährige das Beste aus zwei Welten. Eine Foto- und Videoreportage aus Diepersdorf.

Von Pokalen umgeben: Sonja Fischer in ihrem Salon in Diepersdorf.

Von Pokalen umgeben: Sonja Fischer in ihrem Salon in Diepersdorf.

Auch Sonja Fischers Mutter war begeisterte Friseurmeisterin im eigenen Salon. Als Sonja ein paar Wochen alt ist, beginnt Regine Fischer wieder zu arbeiten. Die Tochter wächst im Salon auf, zwischen Waschbecken und Trockenhauben steht ihr Laufstall. „Ich habe beim Lockenwicklersortieren die Farben und beim Handtücherzusammenlegen das Zählen gelernt“, erzählt sie.

Aufgewachsen zwischen Lockenwicklern und Trockenhaube: Fischer im Salon ihrer Mutter Regine.

Aufgewachsen zwischen Lockenwicklern und Trockenhaube: Fischer im Salon ihrer Mutter Regine.

Schon als Kind beginnt Sonja Fischer mit dem Haareschneiden. Für sie ist früh klar, dass Stylistin ihr Traumberuf ist. Nicht alle unterstützen diesen Wunsch: Fischer geht aufs Gymnasium, hat Top-Noten in Naturwissenschaften. Sie solle doch lieber Physik studieren, rät zum Beispiel ihr Physiklehrer. Aber Fischer wechselt stattdessen auf die Realschule, um schneller mit der Ausbildung anfangen zu können. Da sagt eine Lehrerin einen motivierenden Satz zu Fischer, an den sie sich noch heute erinnert: „Werd‘ Friseurin, aber werd‘ eine gute!“

Fischer enttäuscht ihre Lehrerin nicht. Sie lernt im Salon ihrer Mutter, kann die Ausbildung verkürzen und wird mit 22 Jahren Friseurmeisterin. Bald darauf gewinnt sie erste Wettbewerbe und die bayerischen Meisterschaften: Der Wettbewerbsgeist ist geweckt.

2008 wird Sonja Fischer mit der deutschen Nationalmannschaft Friseur-Weltmeister bei der WM in Chicago. Am Tag vor dem Abflug in die USA hatte sie noch bis halb elf in der Nacht im Salon in Diepersdorf Kunden bedient – und sich bei der letzten in den Finger geschnitten. Mit genähtem Finger und Schmerzen frisiert sie die Mannschaft wenige Tage darauf zum Titel. Was ihr vom Nationaltrainer den Titel „Kampfsau“ einbringt.

Auch ein Hauch von Paris findet sich in Fischers Salon.

Sonja Fischer mit ihrem Weltmeister-Pokal. Im Hintergrund die große, weite Welt. Diesmal nicht Mailand, sondern Paris.

Am Tag nach dem WM-Erfolg erhält Sonja Fischer die ersten Angebote aus Los Angeles, um in Hollywood als Stylistin zu arbeiten. „Ich hatte eine unruhige Nacht“, erzählt sie. Dann trifft sie eine Entscheidung – gegen Hollywood, für Diepersdorf. „Ich habe mir gedacht: Was ist, wenn mal was mit meinen Eltern ist?“

Aber nicht nur die Familie hält Fischer in der mittelfränkischen Heimat. Mit ihren Kunden in Diepersdorf teilt sie die Bodenständigkeit die typisch fränkische Eigenschaft, nicht gerade zu übertriebener Euphorie zu neigen.

Mailand ist geographisch deutlich näher an Diepersdorf gelegen als Hollywood, aber als europäische Modehauptstadt trotzdem eine andere Welt. Bis 2010 pendelt Fischer zwischen diesen beiden Welten: Unter der Woche nimmt sie sich der Frisuren aus dem Nürnberger Land an, am Wochenende präpariert sie die Haare der Models für die großen Laufstege und Fotoshootings. Zwei Stunden Schlaf pro Nacht sind zu dieser Zeit keine Seltenheit.

Heute versucht Sonja Fischer es ein bisschen ruhiger angehen zu lassen. Sie hat die Arbeit in Mailand und Grand-Prix-Wettbewerbe in Paris, Athen und anderen Metropolen hinter sich gelassen und in Diepersdorf einen modernen Salon gebaut. „Jetzt hab ich ein Stück Mailand hier“, freut sie sich. Manche Dorfbewohner müssen sich noch an Hochglanz und Lounge-Möbel gewöhnen. Es komme schon vor, sagt Fischer, dass „junge, stylische Männer“ aus der Umgebung in den Salon kämen und sagten: „Der alte Laden war irgendwie heimeliger.“ Sonja Fischer schmunzelt. Auch dafür liebt sie ihre Diepersdorfer.

Text, Videos, Fotos: Felicitas Wilke

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