Provinz-Prosa: Eine Fußballjugend

Mit einer neuen Folge „Provinz-Prosa“ melden wir uns zurück aus der Winterpause. Nachdem wir das letzte Mal in die Arbeit einer Lokalredaktion eingetaucht sind, geht es heute um Fußball, Bier, Borussia Dortmund – und eine Jugend in der westdeutschen Provinz, genauer gesagt im fiktiven Örtchen Diepenbusch. Dort spielt Tim Sohrs Debütroman „Woanders is‘ auch scheiße“.

"Woanders is' auch scheiße": Eine Hommage an den Fußball und die Provinz

„Woanders is‘ auch scheiße“: Eine Hommage an den Fußball und die Provinz

Zum Start der Saisonvorbereitung 1992/93 trommelte Trainer Harald die Mannschaft im Vereinsheim zusammen. Es war Mitte Juli, und die brütende Hitze verwandelte die schlecht belüftete Fortuna-Klause in eine Dampfsauna. Wir schwitzten wie die Schweine, ich war nasser als nach jedem Training. Aus den Boxen knarzte wie so oft „Reim“, das Debütalbum von Matthias Reim, das in der Klause längst ein Klassiker war. Hinten wischte Manni gerade mit einem feuchten Lappen den Tresen und die Zapfanlage sauber. Harald bestellte sich eine Pommes Schranke, also mit Ketchup und Mayo. Dann schob er ein paar Tische zusammen, damit es den Eindruck machte, als würden wir alle gemeinsam an einer großen Tafel Platz nehmen. Der Trainer stellte sich ans Kopfende, fuhr mit beiden Händen durch seinen Nackenspoiler und schlug dann gleich zu Beginn seiner Ansprache mit der flachen Hand auf den Tisch. „Männer“, sagte er, „herzlich willkommen zur Saison Zweieneunzichdreieneunzich!“

Kalli ist ziemlich uncool und hat ständig ein schlechtes Gewissen. Nur beim Fußballtraining im Provinzverein Fortuna Diepenbusch fühlt er sich wohl. Mit seinen Kumpels wächst er im Ruhrgebiet der Neunziger auf und erlebt alles, was man eben so erleben muss: Stress mit den Eltern, Liebeskummer, Herrengedecke und die Mädels aus den MTV-Videos. Immer dabei: der Fußball und die Musik.

Tim, bist du eigentlich selbst in der Provinz aufgewachsen?
Naja, in der Umgebung von Düsseldorf, an der Ruhrgebiet-Rheinland-Grenze. Im Ruhrgebiet ist es ja sowieso überall gleichzeitig urban und provinziell: Da wohnen superviele Leute und es ist eigentlich wie eine in mehrere Städte aufgeteilte riesige Großstadt, aber trotzdem ist es provinzieller als in Berlin oder Hamburg. Dort, wo ich herkomme, gibt es gar nichts Metropolenhaftes, Weltstädtisches, das hat eher Vorortcharakter.

Ist „Woanders is‘ auch scheiße“ eigentlich eine Abrechnung mit der Provinz oder eine Liebeserklärung?
Nichts läge mir ferner als eine Abrechnung! Das würde ja bedeuten, dass ich irgendwelchen Groll hegen würde, aber so ist es nicht. Ich hoffe, dass einigermaßen klar wird, dass ich für die Leute, die da beschrieben werden, auf jeden Fall große Sympathien habe. Wenn es eines von beiden sein soll, dann also auf jeden Fall eine Liebeserklärung. Das ist alles nur Liebe!

„Männer!“, grölte es uns plötzlich in den Nacken. „Hömma, ihr steht hier wie ein paar Schluck Wasser in der Kurve! Wollt ihr nicht lieber mal einen saufen?“ Wir drehten uns um, Dieter Schöner hatte seine Arme zur Decke gereckt, als würde er jubeln. Seinen sehnigen Oberkörper hatte er in ein enganliegendes weißes Hemd gepresst, unter dessen Achseln sich kleine, kreisrunde Schweißflecken abzeichneten. Das Hemd steckte in einer sehr engen Jeans, zusammengehalten von einem dicken Ledergürtel mit Stierkopfschnalle. Dieters Gesicht war hochrot, seine Haut glänzte und schien zu vibrieren. Er stampfte mit seinen abgewetzten Krokodillederstiefeln auf den Boden. „Wer trinkt einen mit mir?“, fragte er ungeduldig. „Ich trinke heute auf meinen Sohn, hömma! Den besten Kapitän, den die Fortuna jemals haben wird, hömma!“

Kallis Mannschaft scheint ihrem Ruf als „Fortuna Freibier“ durchaus gerecht zu werden. Ist das nicht etwas überspitzt? Welcher Teenie kann denn so viel saufen wie diese Jungs und dabei noch halbwegs ordentlich Fußball spielen?
Also ich glaube, wenn du ernsthafte Ambitionen als Fußballspieler hast, kannst du dir das heutzutage als Jugendlicher nicht mehr erlauben. Damals war das aber noch ein bisschen anders, auch bei den Profis, die das ebenfalls ein bisschen lockerer gesehen haben. Dass die auch mal getrunken oder geraucht haben, ist ja heutzutage völlig undenkbar. Teilweise ist das in meinem Buch natürlich schon ein bisschen überspitzt und kratzt am Klischee, aber zu der Zeit, in der das spielt, also in den Neunzigern, war das noch eher so. Ich war ja auch im Fußballverein und da gab’s schon solche Leute. Und von den ganzen Erwachsenen mal ganz zu schweigen, die waren tatsächlich ziemlich original so, wie ich sie in dem Buch beschrieben habe. Teilweise liest sich das wie ein Klischee, aber es ist wahrscheinlich realistischer, als sich viele heutzutage vorstellen können.

Neben dem Fußball spielt in Kallis Leben auch die Musik eine sehr wichtige Rolle. Wie wichtig war dir dieser Teil der Geschichte?
Gerade in Coming-of-Age- und Jugendromanen wird die Musik oft als Coolheits-Faktor benutzt. Das, was die da hören, soll dann irgendwie den Charakter der Figuren ausmachen. Genau das wollte ich nicht: Ich wollte bewusst Musik auswählen, die damals einfach gegenwärtig war, ohne sie im Kontext zu bewerten. In dem Alter war Musik überlebenswichtig, auch die richtig schlimmen Sachen, die wir damals gehört haben.

Kallis Ruhrpottjugend wirkt ab und zu ziemlich trostlos. Kannst du dem denn auch etwas Positives entgegensetzen?
Ja, und ich find’s auch gar nicht so trostlos. Klar, da ist nicht viel Geld. Aber ich glaube, das gilt für jede Provinzjugend, ob im Ruhrgebiet oder woanders: den Jugendlichen ist das eigentlich egal. Solange die ein paar gute Geschichten erleben, gewöhnen die sich an alles. Gerade die Trostlosigkeit würde ich nicht überbewerten. Und abgesehen davon – das klingt jetzt so abgeschmackt, aber es ist wirklich so – gibt es im Ruhrgebiet auch ganz schöne Parks und Seen. Also ganz so schlimm, wie viele sich das vorstellen, ist es ja gar nicht.

Am Ende des Romans zieht „ein weiteres Provinzpärchen“ nach Berlin. Glaubst du, dass es so etwas wie einen provinziellen Minderwertigkeitskomplex gegenüber der großen Stadt gibt?
Glaube ich tatsächlich nicht. Ich denke, die Leute, die in einem Ort wie Diepenbusch wohnen, die sind ziemlich zufrieden mit dem, was sie da haben. Wenn man dann in das Alter kommt, in dem man von zuhause wegzieht, dann will man wahrscheinlich schon mal was anderes sehen als die Diepenbuschs dieser Welt. Aber an einen Minderwertigkeitskomplex glaube ich nicht, dafür haben die Leute an Orten wie Diepenbusch auf jeden Fall zu viel mit sich selbst zu tun und mit ihren eigenen alltäglichen Problemen, als dass die dauernd darüber nachdenken würden, wie es wäre, in Berlin oder New York zu wohnen.

Du schreibst gerade an deinem zweiten Buch. Eine Fortsetzung?
Nein. Ich würde eine Fortsetzung zwar nicht für immer ausschließen, aber erst mal will ich weder über Jugendliche, noch über Fußball, noch über die Provinz schreiben. Dafür ist das Buch ja auch dick genug. Über diese Themen ist für mich erst mal alles gesagt.

Buchautor Tim Sohr

Buchautor Tim Sohr

Tim Sohr, 34, studierte Kultur- und Medienwissenschaften in Düsseldorf und Barcelona. Heute arbeitet er als freier Autor und Kulturredakteur für verschiedene Zeitungen und Magazine. „Woanders is‘ auch scheiße“ ist sein erster Roman.

Text und Interview: Johanna Popp

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