„Wir genießen jeden Spieltag“

Aus der Provinz in die erste Liga: Als der SC Paderborn 07 im Frühjahr 2014 mit seinem Mini-Etat in die erste Fußball-Bundesliga aufstieg, galt das als Sensation. Martin Hornberger, Geschäftsführender Vizepräsident und Gesamtgeschäftsführer des Klubs, ist zwar in Kassel geboren, aber in Paderborn aufgewachsen. Zum Fußball kam er erst über Umwege: Nach seinem Sportstudium in Köln war Hornberger jahrelang unter anderem Vizepräsident des Deutschen Basketball Bundes. Als Herr über die Finanzen und die Organisation des SCP versucht er jetzt, trotz der sportlichen Ausnahmesituation einen kühlen Kopf zu bewahren.

Martin Hornberger im Paderborner Stadion

Martin Hornberger im Paderborner Stadion

Als Paderborner und auch ganz persönlich lebe ich gerade meinen Traum. Die erste Liga gehört zu den größten Zielen, die man im Sport erreichen kann, und durch den Aufstieg herrscht in der Stadt ein riesiger Hype. Auf einmal reden alle über Fußball. Egal, ob ich durch die Straßen laufe oder im Restaurant sitze, immer werde ich auf den SCP angesprochen und die Leute zücken immer öfter ihr Handy, um Fotos zu machen. Das kann schon mal anstrengend sein, aber es freut mich auch sehr, dass die ganze Stadt meine Begeisterung teilt.

Paderborn: Eine Stadt im Erstliga-Fieber

Paderborn: Eine Stadt im Erstliga-Fieber

Ich lebe seit vielen Jahren in Paderborn, habe hier Abitur gemacht und fand die Stadt schon immer schön und faszinierend. Man hat hier alles, was man zum Leben braucht, kann einkaufen, Sport und Theater erleben. Die Stadt ist kompakt, die Wege sind kurz. Und man ist von einer schönen Landschaft und Wäldern umgeben.

Als wir aufgestiegen sind, wurde Paderborn in den Medien als Inbegriff von Provinz dargestellt. Darüber haben wir uns hier schon ein bisschen aufgeregt, denn Paderborn hat immerhin 150 000 Einwohner, ist also nicht gerade ein Dorf. Am Tag der Aufstiegsfeier auf dem Rathausplatz hat unser Stadionsprecher auch noch mal klargestellt, dass wir hier nicht mit dem Trecker in die Arbeit fahren und auch wissen, was fließend Wasser ist.

Hornberger auf dem Weg in sein Büro

Martin Hornberger auf dem Weg in sein Büro

Früher kannte man Paderborn vor allem als sehr katholische Stadt und als Bistumssitz. Und wegen der hohen Prozentzahlen bei Wahlen für die CDU. Schwarz, schwärzer, Paderborn, hieß es dann oft. Der SC Paderborn 07 hat jetzt dafür gesorgt, dass die Stadt in der Öffentlichkeit auch mal anders dargestellt wird – der Aufstieg war so gesehen ein Geschenk fürs Stadtmarketing.

Trotzdem: An dem konservativen Image ist schon etwas dran. Was unsere Finanzen angeht, sind wir das beim SCP nämlich auch. Wir haben uns vorgenommen, nur so viel Geld auszugeben wie wir haben, und wir wollen die Einnahmen aus dem Aufstieg nutzen, um schuldenfrei zu werden. Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass wir mit unserem Spieler-Etat von 15 Millionen Euro wirtschaftlich ganz klar auf Platz 18 in der Liga stehen. Der Durchschnitt liegt bei 55 Millionen Euro.

Die Benteler Arena in Paderborn

Die Benteler Arena in Paderborn

Es schränkt zwar ein, wenig Geld zur Verfügung zu haben, aber es macht auch kreativ. Unser Präsident hat mal gesagt, er lese den Kicker nur von hinten, weil wir uns die Spieler von vorne sowieso nicht leisten können. Tom Bertels und Alban Meha haben wir zum Beispiel in der vierten Liga ausgegraben. Es gehört eine Portion Glück, aber auch viel Fußball-Sachverstand dazu, solche Spieler zu entdecken. Ansonsten haben wir viele Spieler unter Vertrag, die lange in der zweiten Liga gespielt oder bei größeren Klubs wie Dortmund oder Bremen den Durchbruch nicht geschafft haben. Dass sie in der ersten Liga bisher so eine starke Saison abliefern, ist sogar für uns manchmal überraschend. Vielleicht liegt es daran, dass wir nicht auf einzelne große Stars setzen. Bei uns garantiert die Mannschaft den Erfolg. Für diesen Satz gibt es zwar fünf Euro ins Phrasenschwein, aber wir sehen das wirklich so.

Und dazu kommt auch noch ein bisschen Glück: Am vierten Spieltag gewannen wir gegen Hannover 96 durch das Tor von Moritz Stoppelkamp aus 82,3 Metern. Alle anderen Teams spielten auch zu unseren Gunsten und wir reisten am nächsten Spieltag tatsächlich als Tabellenführer zum FC Bayern – ausgerechnet zu dem Klub, der neben Paderborn mein Lieblingsverein ist. Da stand ich dann im Kabinengang der Allianz-Arena und sah die Spieler, die ich sonst auch nur aus dem Fernsehen kenne. Das sind Momente, in denen ich mich frage: Wer hat das Drehbuch dazu geschrieben?

Viele unserer Spieler kommen aus der Region um Paderborn. Der Kontakt zwischen Spielern und Fans ist eng, man begegnet sich auf der Straße oder im Supermarkt. Und die Spieler machen auch untereinander viel zusammen, treffen sich zum Essen oder zum Play Station spielen. Bei den kurzen Wegen hier geht das natürlich auch leichter als in Hamburg oder Berlin.

Fußball-Romantik gibt es aber auch bei uns nur in begrenztem Maß. Eine Fußballerkarriere ist nicht lang, die Spieler müssen früh einen Grundstock dafür legen, den Rest ihres Lebens zu finanzieren. Da kann ich es keinem Menschen übel nehmen, wenn er zu einem großen Verein wechselt, der mit Millionen um sich schmeißen kann und auf internationalem Niveau spielt. Einen gewissen Gehaltsunterschied können wir durch unsere gute Atmosphäre vielleicht noch wettmachen, aber wenn es um Millionen geht, gibt es keine Romantik. Und das ist auch okay so. Wenn einer unserer Spieler mal den Sprung zu den Bayern schafft, sollten wir stolz sein.

Beim SC Paderborn 07 müssen wir in Zukunft einen Spagat meistern: Einerseits wollen wir der Underdog und Kuschel-Klub mit familiären Strukturen bleiben. Andererseits müssen wir als Erstligaklub professionellere Strukturen schaffen. Unsere Jugendmannschaften trainieren zurzeit zum Beispiel noch an bis zu zehn verschiedenen Orten, zum Teil außerhalb der Stadt. Das ist provinziell. Hier wollen wir investieren und ein neues Trainingszentrum bauen.

Wir wissen, dass wir den Platz in der ersten Liga nicht gepachtet haben und keiner von uns weiß, wie lange dieser Traum noch weitergeht. Aber wir genießen jeden Spieltag und haben gemerkt, dass wir da oben mitspielen können. Dadurch hat die ganze Stadt an Selbstbewusstsein gewonnen. Mit ein bisschen Abstand habe ich inzwischen auch kein Problem mehr mit dem Provinz-Begriff. Ich finde es nicht schlimm, wenn in der Nähe des Stadions Kühe grasen. Eigentlich ist das doch sogar ziemlich sympathisch.

HINTERGRUND: Fußballklubs aus der Provinz

Von Fürth bis Ulm, von Cottbus bis Unterhaching: Immer wieder schaffen vermeintliche Underdogs den Sprung in die erste Fußball-Bundesliga – doch oft ging es schnell wieder bergab. In anderen Ballsportarten mischen deutlich mehr Provinzklubs in der ersten Liga mit: Im Basketball ist Bamberg seit Jahren ein Spitzen-Team und Städte wie Gummersbach oder Lemgo ziehen ihre Bekanntheit aus ihrem Handball-Bundesligateam. Dass sich die kleineren Städte so selten dauerhaft in der Fußball-Bundesliga etablieren können, erklärt sich Martin Hornberger mit der finanziellen Herausforderung: Kleinere Kommunen hätten oft keine ausreichende Infrastruktur und verfügten auch seltener über potenzielle Sponsoren. Eine Ausnahme bilde die TSG Hoffenheim, wo mit Hilfe eines Mäzens Infrastruktur aus dem Boden gestampft worden sei. Trotzdem: Es gibt in der Fußball-Bundesliga nicht nur Klubs aus Metropolen auf der einen Seite und Hoffenheim auf der anderen. Teams wie der FC Augsburg oder der SC Freiburg haben ihren festen Platz in der Liga gefunden. Diesen Vereinen ist es gelungen, sich langsam an das wirtschaftliche Niveau der ersten Liga heranzutasten. „Diese Klubs sind Vorbilder für uns“, sagt Hornberger.

Interview, Protokoll, Video, Fotos: Felicitas Wilke und Johanna Popp

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