„Ich hab jede Woche Dresche bekommen in der Dorfdisko.“

„Hamma wieder was gelernt, recht herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit, auf Wiedersehen!“ Diesen Satz kennt jeder Mensch, der in den Nullerjahren jung war und wenigstens ab und zu bei MTV reingeschaut hat. Und sofort hat man seinen Urheber vor Augen, Markus Kavka, wie er in diesem seltsam digitalen MTV-News-Studio steht und mit den Händen in den Hosentaschen und leicht bayerischem Einschlag von Bands und neuen Alben erzählt, als säße er mit dem Zuschauer auf dem Sofa. Mittlerweile ist Kavka 47 Jahre alt und verbringt ab und zu ein paar Tage an der Uni Paderborn. Dort hat er seit kurzem die „Pop-Dozentur“ im Studiengang „Populäre Musik und Medien“ inne und bringt unter dem Motto „I want my MTV“ seinen Studenten bei, wie man eine eigene Musikfernsehsendung auf die Beine stellt.

Markus Kavka in Paderborn

Markus Kavka in Paderborn

Markus Kavka wohnt seit Jahren in Berlin, aufgewachsen ist er aber im bayerischen Manching, einem kleinen Ort in der Nähe von Ingolstadt. Vor drei Jahren erschien Kavkas Roman „Rottenegg“, in dem es um einen erfolgreichen Musikmoderator geht, den es aus der Großstadt in sein bayerisches Heimatkaff verschlägt. Ein Generationenidol, das aus der Provinz stammt, über die Provinz schreibt und in der Provinz unterrichtet – Gründe genug, mit Markus Kavka mal ein Gespräch über die Provinz zu führen.

Markus, bist du eher ein „Stadtmensch“ oder ein „Landmensch“?
Ich bin schon eher der Stadt-Typ. Ich möchte meine Herkunft überhaupt nicht verhehlen und bin glücklich, dass ich in so einem behüteten Dörfchen aufwachsen durfte. Und ich hatte eine wahnsinnig tolle Kindheit, die ich nicht missen möchte. Aber spätestens ab der Pubertät war für mich eigentlich klar, dass ich dort weg muss. Bei mir hat sich ja schon früh ergeben, dass ich nicht mehr so ausgesehen und schon gar nicht mehr so getickt habe wie die anderen Leute aus dem Dorf, und da hab ich mich dann irgendwann auch nicht mehr wohlgefühlt. Mir ging es erst wieder gut, als ich dann in der Großstadt war. Ich komm einfach nicht auf diese Engstirnigkeit klar, die in der Provinz und im Dörflichen vorherrscht. Ich bin eher ein freiheitsliebender und freigeistiger Typ und in einer anonymen Großstadt kann man einfach wesentlich besser leben und leben lassen, als auf dem Dorf.

Was meinst du damit, du hast nicht so getickt wie die anderen Leute?
Ich war in den Achtzigern Gothic. Und wenn man sich das vorstellt, ein Dorf, fünftausend Einwohner, in Oberbayern – ich war ja auch noch Ministrant! Und wenn man dann nur schwarze Klamotten trägt und umgedrehte Kreuze um den Hals hängen hat, sich die Haare abrasiert und ein Einschussloch mit Lippenstift an die Schläfe malt und schwarze Fingernägel hat und einen skelettierten Katzenkopf um den Hals hängen hat, dann kann man sich vorstellen, dass das im Dorf nicht so gut ankommt.

Hat dich dieses Provinzleben auch – positiv oder negativ – für deine spätere Karriere geprägt?
Ja, rundum positiv. Das Aufwachsen in der Provinz hat mir eine Grund-Entspanntheit gebracht, mich bringt selten was aus dem Konzept. Das Leben auf dem Dorf ist einfach viel langsamer und schmusiger. Ich hatte zwar eine Menge Scherereien, dadurch, dass ich Goth war in einem kleinen Dorf, und ich hab jede Woche Dresche bekommen in der Dorfdisko. Weil, auf dem Land fragen die Leute ja nicht, oder diskutieren mit dir nicht, wieso du so aussiehst, wie du aussiehst, was dahintersteckt – das interessiert die nicht. Du siehst anders aus, das kennen die nicht, und davor haben sie so ein bisschen Angst. Und diese Angst drücken sie einfach mit Gewalt aus. Dadurch wurde ich aber in sofern geprägt, dass ich mich für Dinge einsetze, die mir wichtig sind. Ich hätte mir ja auch überlegen können: Jede Woche Dresche, bist du bescheuert, lass es doch einfach! Aber mir war das wichtig. Und mich dann gegen alle Widrigkeiten im Dorf durchzusetzen, hat mir extrem geholfen. Weil es bis zum heutigen Tag so ist, dass ich mich nicht verbiegen lasse. Ich lass mir von niemandem ins Hirn scheißen. Wenn ich weiß, mir ist was wichtig, dann verfolg ich das. Und ich glaub, das ist ein Resultat von der manchmal nicht ganz einfachen Jugend auf dem Land.

Hat es dich toleranter gemacht, dass du so viel mit Intoleranz kämpfen musstest?
Ja, auf jeden Fall. In einem kleinen bayerischen Dorf ist ja alles Fremde sofort die totale Bedrohung. Und ich habe schon sehr früh gemerkt, dass ich so nicht sein will. Wenn Leute bedroht wurden, die irgendeiner Subkultur angehörten, oder Homosexuelle, oder Migranten, dann fand ich das immer schon scheiße. Weil ich eben gesehen habe, wozu Intoleranz führen kann. Aber man muss auch sagen, dieses Dorf und Bayern generell – das sind ja jetzt keine intoleranten Menschen per se. Die Bayern sind schon gerne unter sich, aber meine Eltern haben mir auch damals schon mitgegeben, dass „leben und leben lassen“ die Devise ist.

Ab wann hast du dann für dich entschieden, dass du weg musst?
Nach dem Abi. Das war natürlich eine willkommene Gelegenheit. Ich hätte durchaus die Möglichkeit gehabt, in Eichstätt zu studieren und bei meinen Eltern wohnen zu bleiben, aber es war vollkommen klar, dass ich weiter weg muss. München oder Nürnberg standen da als erstes zur Wahl, und dann war ich schon mit einem Bein in München, um da zu studieren, und dann hab ich aber eine junge Dame aus Nürnberg kennen gelernt und das hat gleich so gescheppert, dass ich gesagt hab, dann geh ich jetzt dahin studieren, ist ja eh egal! Aber es war klar, dass ich unbedingt bald nach dem Abi da den Abgang mache.

Was ist für dich eigentlich Provinz?
Provinz ist erst mal weit weg von allem, vor allen Dingen gefühlt. In der Provinz herrscht immer ein eigener Geist, und da ist es auch fast gar nicht wichtig, wie groß dieser jeweilige Ort ist. Viele Leute sagen über München, dass es eigentlich eine riesige Provinzstadt ist, und da leben über eine Million Menschen! Und dann gibt es noch die richtige Provinz: eine Gegend, in der einfach nichts passiert. Ich glaube, das ist das Entscheidende in der Provinz: Es gibt keine großartigen kulturellen oder Ausgehmöglichkeiten, es gibt keine vernünftigen Einkaufsmöglichkeiten, es gibt keine besonders kreativen Geister, die da am Werkeln sind, es ist einfach viel Wald und Wiese um eine großes Loch herum.

Ist in diesem Sinn dann Paderborn Provinz?
Ich glaube, landläufig würde man Paderborn schon als Provinz bezeichnen. Die Uni macht allerdings einen großen Unterschied. Hier sind über 20 000 Studenten, und die können aus einer vermeintlichen Provinzstadt, wie Paderborn es ist, mal schnell den Nabel der Welt machen. Hier gibt es ein gut strukturiertes, studentisches Leben, und das bringt schon ordentlich Schwung rein.

Nun hat ausgerechnet Paderborn einen Pop-Studiengang. Das klingt ja eigentlich nach wildem Leben und pulsierender Stadt – ist das nicht ein Widerspruch zur langweiligen Provinz?
Dieses Studium hier anzubieten ist sehr clever. Seit vielen Jahren schon wollen ja junge Menschen irgendwas mit Medien machen, aber man kann an deutschen Universitäten kaum was Vernünftiges in der Richtung studieren. Und jetzt gibt es hier diesen Studiengang, und was passiert? Die Leute rennen nach dem Abi nicht mehr in die nächste Großstadt und studieren da irgendwas mit Medien, sondern die sagen dann: „Okay, Paderborn ist jetzt nicht der ganz heiße Scheiß. Das ist nicht der Nabel der Welt. Aber dieser Studiengang hat genau die Inhalte, die ich mir vorstelle, für das, was ich später machen möchte, deswegen zieh ich das jetzt durch und geh drei, vier Jahre da hin und hab dann aber das in der Tasche, was ich vielleicht in anderen Städten nicht in der Tasche hätte.“ Und da kommt dann noch dazu: Klar, es wollen alle nach Berlin oder München oder Hamburg oder was weiß ich, aber es gibt da keine Wohnungen mehr, die Städte sind deutlich teurer, also warum nicht mal für ein paar Jährchen nach Paderborn?

Könntest du dir denn vorstellen, irgendwann noch mal nach Manching zurückzukommen und dort zu wohnen?
Eigentlich ein klares Nein. Nicht mal im hohen Alter. Wenn ich mir einen Alterssitz aussuchen könnte, dann wäre der eher am Meer. Manching ist weit weg von allem – Provinz eben. Der einzige Grund, warum ich zurückgehen würde, wären meine Eltern. Die wohnen noch dort, und wenn es denen mal gesundheitlich schlechter gehen sollte, würde ich schon wieder zurückkehren.

Felicitas und Johanna mit Markus Kavka
Interview: 
Johanna Popp und Felicitas Wilke
(links mit Markus Kavka in Paderborn)

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Ein Gedanke zu „„Ich hab jede Woche Dresche bekommen in der Dorfdisko.“

  1. Na ja, so ein „kleines Dorf“ war und ist Manching nun auch wieder nicht (ca. 10 000 Ew und fast mit Ingoldorf zusammengewachsen ). Das tatsächlich existierende Rottenegg (in der Nähe) ist aber nun wirklich ein kleines Dorf.
    Nix für ungut und ;-)
    lg manni

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