Provinz-Prosa: Geschichten aus der Lokalredaktion

Frisch zum Sonntagsfrühstück auf den Tisch: Der erste Teil unserer neuen Serie „Provinz-Prosa“. Hier soll es um Bücher gehen, die aus der Provinz oder über sie erzählen. Zuerst machen wir einen Ausflug in die Redaktion einer Lokalzeitung – mit Ralf Heimanns Satireroman „Die tote Kuh kommt morgen rein“.

"Die tote Kuh kommt morgen rein" - ein Satireroman von Ralf Heimann

„Die tote Kuh kommt morgen rein“ – ein Satireroman von Ralf Heimann

„Ich will auch nicht lange um den heißen Brei rumreden, Herr Heimann. Ich hatte heute Mittag gleich an Sie gedacht. Sie sind doch flexibel. Ich frag mal ganz direkt: Würden Sie’s machen?“
Natürlich nicht, dachte ich und sagte: „Na ja, äh, da müsste ich überlegen.“
„Überlegen Sie“, sagte Dorkov. „Was spräche denn dagegen?“
„Dagegen? Ja, äh, nicht direkt dagegen. Aber es ist weit weg, und ich habe nie…“ Mir fiel nichts ein. Es kam mir vor, als hätten sich alle guten Argumente mit einem Lachen davongemacht. „Die Leute auf dem Land sind einfach komisch“, konnte ich ja auch nicht sagen.
„Herr Heimann, die Fahrtkosten zahlen wir. Und eingearbeitet sind Sie in drei Tagen.“
„Ja, aber ich weiß nicht, ob ich da wirklich der Richtige bin.“
„Herr Heimann, Sie sind perfekt für diese Aufgabe. Also machen Sie’s?“
Ich war ratlos und sagte ja.

So schnell kann das gehen und schon findet sich ein Wirtschaftsredakteur als Schwangerschaftsvertretung für die Lokalreporterin im fiktiven Städtchen Borkendorf wieder. Dort merkt er bald, dass Journalismus in der Provinz etwas anders funktioniert als in der großen Stadt: Fußballtrainer schreiben ihre Spielberichte selbst, Taubenzüchter erpressen Redakteure und der Kulturteil beschäftigt sich mit einer Hausfrau, die verschwommene Schnappschüsse vom Mond ausstellt. Außerdem geht die Recherche häufig mit einigen Gläsern Bier einher. Trotzdem versuchen die Redakteure des „Borkendorfer Boten“ tapfer, ihre Leser ausgewogen zu informieren. Wie das geht, erzählt der echte Ralf Heimann, Journalist aus Münster, in zwanzig witzigen Anekdoten, die zwar erfunden sind, aber mit Sicherheit aus vielen Jahren Erfahrung im Lokaljournalismus zehren.

Herr Heimann, Sie haben selbst lange als Lokalreporter gearbeitet. Wie viel im Buch ist erfunden, was haben Sie tatsächlich selbst erlebt?
Das kann ich gar nicht genau sagen. Natürlich gibt’s diese ganzen Charaktere in Wirklichkeit so nicht, die sind zusammengebaut aus verschiedenen realen Leuten. Ich habe alles so verfremdet, dass man es nicht unbedingt wiedererkennt, weil ich ursprünglich ja auch weiter bei meiner Zeitung arbeiten wollte. Da wäre es natürlich doof gewesen, wenn man auf einmal mit allen Leuten Ärger hat, weil sie sich in diesem Buch wiederfinden. Aber ich dachte, es reicht auch, wenn ich mal zeige, wie eine Lokalredaktion funktioniert. Also diese Mechanismen, die es wahrscheinlich nicht nur dort gibt, wo ich selbst gearbeitet habe.

Wie haben Ihre Kollegen denn reagiert? War jemand ernsthaft sauer?
Nö, das hab ich eigentlich nicht erlebt. Aber natürlich sagt einem das auch keiner direkt. Ich glaube aber schon, dass Leute, die in einer Lokalredaktion arbeiten, vielleicht doch reflektierter sind, als man denkt, und dann auch damit umgehen können. So wie Deutsche im Ausland über Deutschen-Klischees lachen können, kann man als Lokalredakteur darüber lachen, wenn es um diese Klischees geht, die man möglicherweise selbst erfüllt.

Stellenweise ist das Buch ziemlich branchenspezifisch. Inwiefern ist es denn auch für Nicht-Journalisten reizvoll?
Ich glaube, dass vieles, was hinter diesem Vorhang passiert, sehr menschlich ist. In anderen Berufen ist das ja nicht anders. Im Krankenhaus oder auf der Baustelle arbeiten auch nur Menschen und da passiert genausoviel Schmu wie in einer Lokalredaktion, wie in jedem Beruf, in dem Menschen unter Zeitdruck arbeiten. Büros funktionieren ja sowieso oft ähnlich, und dass Montagmorgen alle dasitzen und stöhnen, dass wieder Montag ist, das ist wahrscheinlich auch nicht branchenspezifisch.

Warum hat der Lokaljournalismus so einen schlechten Ruf?
Es gibt sehr gute Lokalredaktionen, denen man Unrecht tut, wenn man so etwas sagt, aber oft wird unprofessionell gearbeitet. Das liegt daran, dass alles unter Zeitdruck geschieht und sich niemand richtig Zeit nehmen kann für seine Geschichten. Außerdem müssen sich Lokalzeitungen oft von allen möglichen Leuten reinreden lassen: Der Verlag will seine Anzeigenkunden zufriedenstellen, der Verlagsleiter hat vielleicht seine Immobilienfreunde, für die was geschrieben werden soll, und dann sind auch noch die Leser da, die in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Redaktionen leicht bedrohen können. Die sagen dann, wir bestellen unser Abo ab, und am Ende macht man es denen recht und nimmt die kritische Berichterstattung zurück. Das sind alles Dinge, die dazu beitragen, dass Lokalzeitungen diesen Ruf haben, viele Fehler zu machen und langweiliges Zeug zu produzieren. Ich hab oft erlebt, dass Lokaljournalismus so funktioniert: „Tiere gehen immer, Kinder gehen immer, Wetter geht immer. Karneval müssen wir auch machen, sonst steigen uns die Leute aufs Dach. Schützenfest ist auch enorm wichtig, weil die Schützenvereine so mächtig sind…“, aber da wird nicht die Frage gestellt, was eigentlich die Leser interessiert. Es geht oft vielmehr darum, dass man mit den Meinungsführern gut kann, weil man denkt, von denen kriegt man die Informationen. Aber die sind ja nicht doof, die geben ja auch nur raus, was ihnen passt. So kommt man nicht an brisante Informationen.

Was könnte ein Lokalreporter tun, um diesem Kreislauf aus Gefälligkeiten und Terminjournalismus zu entgehen?
Das ist wirklich schwer. Ich glaube, man muss einfach sehr hartgesotten sein, um das auf Dauer durchzuziehen. Das Schwierige ist ja, dass man immer mit Leuten zu tun hat, die man dann auch persönlich kennt. Wenn man da kritisch berichtet, reden die Menschen unter Umständen nicht mehr mit einem. Es wird ja oft der Eindruck vermittelt, dass im Lokaljournalismus viele Idioten arbeiten, aber ich glaube, es ist wirklich ein hoch anspruchsvoller Beruf und es gibt wenige Leute, die das richtig gut können.

Ist es denn überhaupt von Vorteil, über seine eigene Heimat zu berichten, in der man verwurzelt ist?
Lokalredakteure selbst sagen ja oft: Man muss abends mit den Leuten an der Theke stehen und man muss in den Vereinen sein und so – ich glaub das gar nicht. Ich glaube, dass es viel bessere Möglichkeiten gibt, an Informationen zu kommen. Und je länger man in so einer Redaktion arbeitet, desto mehr Leute kennt man. Und dass man denen nicht dauernd an den Karren fahren will, ist ja verständlich. Aber das muss dann vielleicht auch dadurch gelöst werden, dass man die Positionen dann und wann neu vergibt.

Sie haben sich jetzt vor Kurzem selbstständig gemacht. Wie kam es denn dazu?
Das hatte unterschiedliche Gründe. Ein wesentlicher Grund war, dass sich das Denken in einer Lokalredaktion immer nur um die Zeitung dreht. Ich hatte immer das Gefühl, wenn etwas in der Stadt passiert, dann kann das bei Twitter rauf- und runterlaufen, bei Facebook hundertmal geteilt werden, im lokalen Radio thematisiert werden, abends im Fernsehen kommen – aber wenn am nächsten Tag nichts in der Konkurrenzzeitung steht, dann ist alles in Ordnung. Dieses fixierte Denken war der Hauptgrund für mich, da wegzugehen. Dann diese Arbeitsbedingungen: „Ja mach mal diese Geschichte hier, das ist ja nur ein Anruf.“ Und abends hat man noch nicht richtig recherchiert und dann ist da aber noch ein Loch auf der Seite und dann muss man’s doch schreiben. Man muss eigentlich dauerhaft Sachen machen, mit denen man nicht zufrieden ist. Und der dritte Grund war, dass man bei Lokalzeitungen keine Perspektive hat. Man fängt als Redakteur an, dann arbeitet man jahrelang, verdient nicht wesentlich mehr, hat auch keine Chancen, irgendwann nochmal mehr Geld zu bekommen, und je älter man wird, desto unattraktiver wird das.

Buchautor Ralf Heimann (Foto © Jean-Marie Tronquet)

Buchautor Ralf Heimann (Foto © Jean-Marie Tronquet)


Ralf Heimann
, 37, absolvierte nach seinem Diplom in Volkswirtschaft ein Volontariat in Steinfurt, Dortmund und Münster. Bis vor ein paar Monaten arbeitete er als Wirtschaftsredakteur bei der Münsterschen Zeitung. Über sein Leben nach der Kündigung und andere Dinge bloggt er unter Operation Harakiri.

Text und Interview: Johanna Popp

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Ein Gedanke zu „Provinz-Prosa: Geschichten aus der Lokalredaktion

  1. Das Interview mit Ralf Heimann ist wirklich interessant, denn wann kann man mal aus der Sicht eines Lokaljournalisten über diese Sparte was hören, eigentlich nie. Hätte nie gedacht, dass es so schwierig ist, diesen Job zu machen. Auch schade irgendwie.

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