„Dialekt wird niemals aussterben.“

Anthony Rowley, 61, ist in der britischen Kleinstadt Skipton geboren und aufgewachsen. Durch sein Germanistikstudium kam er nach Regensburg, wo er begann, sich für die bayerischen Dialekte zu interessieren. Heute ist Rowley ein bekannter Dialekt- und Mundartforscher und leitet die Redaktion des Bayerischen Wörterbuchs. Er lebt in Augsburg und arbeitet in München. Anthony Rowley über Zugehörigkeit, die Zukunft des Dialekts und darüber, was Schottland und Bayern verbindet.

Einen Dialekt muss man lernen wie eine Fremdsprache. Als ich in den siebziger Jahren zum Studieren nach Regensburg zog, kamen die meisten Studenten dort aus der Oberpfalz oder aus Niederbayern und haben ihre Dialekte gesprochen. Wollte ich also Kontakt zu meinen Kommilitonen, musste ich mir das irgendwie aneignen. Mein Studienobjekt waren seltene Dialekte in Norditalien, aber je länger ich in Regensburg lebte, desto mehr habe ich festgestellt, dass die Mundarten dort genauso interessant sind. Die Art und Weise, wie sich Menschen in einem bestimmten geographischen Raum ausdrücken, zeigt die Zugehörigkeit, die die Menschen zu ihrer Region empfinden. Gleiche Sprache ist ein Symbol – wir gehören zusammen. Und jeder Mensch ist sozusagen mehrsprachig: Wenn man redet, geht es nicht nur um den Inhalt des Gesprochenen – man kann durch den Dialekt gleichzeitig sagen: „Ich komme aus München“, oder so.

Mittlerweile wird Dialekt auch in der Schule anerkannt. Früher haben die Lehrer selbst entschieden, ob sie die Kinder Dialekt sprechen lassen oder nicht. Aber in den letzten zwanzig Jahren hat sich da viel verändert. Nach den aktuellen Lehrplänen sollen die Lehrer gezielt auf die mündlichen Fähigkeiten der Schüler eingehen und sowohl den Dialekt als auch die Standardsprache fördern. Das ist wichtig, weil viel verloren gehen würde, wenn man versuchen würde, die Mundart zu unterdrücken. Wenn sich beispielsweise Eltern, die eigentlich Dialekt sprechen, bemühen, mit ihrem Kind nur Hochdeutsch zu reden, dann ist das oft ein eher hölzernes, etwas ausdrucksloses, schwaches, gestanztes Hochdeutsch. Da besteht natürlich die Gefahr, dass die Kinder sich dann nicht so vielfältig ausdrücken können. Dabei wird die Welt ja sowieso schon zentralisiert, verstädtet. Früher haben die besten Kreise Dialekt gesprochen, nur für den Herrn Pfarrer hat man vielleicht Hochdeutsch gebraucht. Heute gibt es nicht mehr so viele Dorfschulen, alles wächst zusammen, auch auf dem Land, das hat natürlich sprachliche Auswirkungen.

Trotzdem glaube ich nicht, dass die Mundart an sich bedroht ist. In Berlin oder im Ruhrpott spricht man zwar keine Bauerndialekte mehr, aber Hochdeutsch ist das ja auch nicht. In der Regel wird also die alte Mundart durch eine neue ersetzt. Die Leute haben offenbar ein Bedürfnis, sich einer Region zugehörig zu fühlen und das auch durch die Sprache zum Ausdruck zu bringen. Deshalb wird der Dialekt wohl niemals aussterben. Allerdings sind die alten Dialekte, die stark in der Landwirtschaft verwurzelt sind, ein wenig gefährdet. Früher waren noch 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, heute sind es weniger als zehn Prozent, das bedeutet, dass der Fachwortschatz immer weniger gebraucht wird. Und so werden wahrscheinlich auch gewisse Redensarten und sprachliche Bilder verblassen, die darauf zurückgegangen sind. Aber damit müssen wir umgehen. Man könnte die alte Sprache wiederbeleben, wenn „ois zamkracht“ sozusagen, also wenn wir zur Subsistenzlandwirtschaft zurückkehren müssten. Aber ich nehme fast an, das wollen wir nicht.

In meinem Heimatland England ist die Ausprägung der Dialekte sehr unterschiedlich. Ich komme aus der Grafschaft Yorkshire, dort spricht man den Tyke-Dialekt, und allgemein sind im Norden und Westen Englands Mundarten noch stärker vorhanden. Dort gibt es auch noch viel mehr Landwirtschaft. In den Industrieregionen und Ballungszentren herrschen aber vor allem die Dialekte der Großstädte: Leeds, Liverpool und Manchester geben auch auf dem Land den Ton an. Aber ich schätze, das Selbstbewusstsein der einzelnen Regionen, das sich ja auch im Dialekt zeigt, ist ähnlich vorhanden wie in Deutschland. Und man hat ja zuletzt gemerkt, dass Schottland zum Beispiel durchaus ein sehr ausgeprägtes, separatistisches Eigenbewusstsein hat. Das ist vielleicht ein bisschen vergleichbar mit Süddeutschland – die Bayern sind zwar keine Separatisten, nur ein bisschen partikularistisch, aber ähnlich ist es schon.

Interview und Protokoll: Johanna Popp

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s