„Wir schauen mal, was der so macht.“

Michael Bergrab ist 22 Jahre alt, Student der Staatswissenschaften und Deutschlands jüngster Bürgermeister. Aufgewachsen ist er im oberbayerischen Miesbach, doch seit Mai sitzt er im Rathaus der Gemeinde Lisberg im Steigerwald. Zu seiner Gemeinde zählen die Örtchen Lisberg (998 Einwohner) und Trabelsdorf (800 Einwohner). Über den Spagat zwischen Autorität und Party, Studium und Ehrenamt.

Michael Bergrab in Lisberg

Michael Bergrab in Lisberg

Mein Lieblingsplatz ist eine kleine Anhöhe am Rand von Lisberg. Von da aus kann man ganz Lisberg und Trabelsdorf sehen und bei schönem Wetter sogar Bamberg. In Trabelsdorf gibt es aber auch schöne Orte, zum Beispiel einen Weiher, in dem im Sommer die Enten schwimmen. Das ist wichtig, dass man beide Orte berücksichtigt, denn zwischen Lisberg und Trabelsdorf gab es früher immer Rivalitäten. Bei der Jugend ist das nicht mehr so aktuell, die spielen auch gemeinsam im Fußballverein, aber die beiden Feuerwehren sind zum Beispiel heilig.

Im Bürgermeister-Wahlkampf war es eigentlich kein Thema, dass ich in Oberbayern aufgewachsen bin. Ich wohne ja schon seit zwei Jahren in Lisberg, meine Familie stammt von hier, in den Semesterferien war ich immer da und mit meiner Freundin habe ich hier ein Haus gebaut. Und auch mein Alter war kein großes Problem. Ich glaube, am Anfang dachten viele: „Wir schauen mal, was der so macht, mit 22 kann man ja nicht so viel erwarten“, und die habe ich dann wohl auch überzeugt. Mir ist auch wichtig, dass die Leute sehen: Hier ist ein junger, gut ausgebildeter Mensch, der zurückgeht aufs Land und nicht, wie so viele andere, in die Ballungszentren drängt. Ich will auch ein Vorbild sein.

Kurz vor der Stichwahl gab es dann eine Attacke von der CSU-Kandidatin, da wurden Flyer verteilt, in denen es hieß, ich sei zu jung und auch gar kein richtiger Lisberger. Aber gewonnen habe ich trotzdem, mit fast 70 Prozent. Ich glaube, die Leute wollten gerade einen frischen, jungen Menschen, der auch noch nicht so sehr in den Strukturen in der Gemeinde festhängt. Und so ganz unbekannt ist der Name Bergrab in Lisberg nicht: Mein Großvater war auch mal Bürgermeister hier.

Als ich kurz vor Weihnachten zum Kandidaten der Überparteilichen Liste gekürt wurde, habe ich eigentlich von allen Seiten Unterstützung bekommen. Mein Vater fand die Idee gut und meine Kommilitonen in Erfurt wollten sich gleich alle nach Lisberg ummelden und für mich stimmen. Das ging natürlich nicht, da muss man schon ein paar Monate früher dran sein. Meine Freundin hatte erst Bedenken, ihr Vater ist Bürgermeister in einem Nachbarort und sie weiß, wie anstrengend das sein kann. Aber als ich gewonnen habe, hat sie sich auch gefreut. Klar, Skeptiker gibt es immer, aber die meisten fanden es gut.

Michael Bergrab in Lisberg

Michael Bergrab in Lisberg

Bisher macht es auf jeden Fall Spaß, Bürgermeister zu sein. Ich genieße das ruhige, entspannte Leben auf dem Land. Und ich freu mich, wenn ich sehe, dass im Dorf etwas vorangeht. Mein Thema im Wahlkampf war ja der Ausbau des schnellen Internets, da machen wir schon Fortschritte. Natürlich gibt es auch traurige Momente im Amt, zum Beispiel Beerdigungen oder wenn ich bei Konflikten schlichten muss. Es ist schade, dass manche Leute noch zu sehr in ihre Nachbarschafts-Streitigkeiten verstrickt sind, statt sich auf wichtigere Dinge zu konzentrieren.

Es ist schon witzig, wie manche Bürger auf mich reagieren. Für viele Menschen ist der Bürgermeister ja immer noch eine feste Autorität. Aber manche kennen mich halt auch noch von der letzten Party. Diese gemischte Wahrnehmung spüre ich schon noch manchmal. Aber ich glaube, langsam haben sich alle daran gewöhnt. Jetzt habe ich erstmal Zeit, mich voll und ganz auf das Amt zu konzentrieren. Im Frühjahr fang ich dann mit dem Masterstudium in Bamberg an. Der Job als Bürgermeister hat aber oberste Priorität.

Interview und Protokoll: Johanna Popp

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