„Ich bin kein Lokalpatriot.“

Florian Zinnecker, 30, ist Journalist in der Festspielstadt Bayreuth. Er ging in Bayreuth zur Schule und veröffentlichte im „Nordbayerischen Kurier“ seine ersten Artikel; später besuchte er die renommierte Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und schrieb unter anderem für die FAS, das SZ-Magazin und die taz. Vor drei Jahren kehrte er nach Bayreuth zurück: als Kulturressortleiter des „Nordbayerischen Kuriers“. Florian Zinnecker über seinen Job und Bayreuth, die Weltstadt auf Zeit. 

Florian Zinnecker vor dem Bayreuther Opernhaus

Florian Zinnecker vor dem Bayreuther Opernhaus

Provinz ist für mich nicht unbedingt ein Punkt auf der Landkarte, sondern hat viel mit einer geistigen Haltung zu tun: nicht offen für Neues zu sein, sich nicht unbedingt dafür zu interessieren, was außerhalb des eigenen Kopfs passiert. Klar, das passiert leichter an Orten, die weiter weg sind von allem. Aber Provinzialität, so, wie ich sie verstehe, lässt sich auch in Berlin oder München oder Hamburg finden.

Bayreuth, die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, wird sehr häufig als Provinz bezeichnet. Mich stört oder kränkt das nicht. Es stört mich aber, wenn das P-Wort dann – was ziemlich oft passiert – als Ausrede oder Entschuldigung herhalten muss: dafür, dass man keine Lust auf neue Ideen hat, keine Lust, sich anzustrengen, oder für Probleme nicht die beste, sondern nur irgendeine Lösung sucht. Wir sind halt Provinz, heißt es dann halb im Scherz. Furchtbar.

Dass ich nach Bayreuth zurückkehre, hatte ich nie geplant – die Frage stellte sich nicht, denn außer der Tageszeitung, bei der ich volontiert hatte, gibt es hier kaum Möglichkeiten, als Journalist mittelfristig über die Runden zu kommen. Ich mag Bayreuth, aber ich bin kein Lokalpatriot – und ich bin auch nicht wirklich „in meine Heimat zurückgekommen“. Zumindest sehe ich das nicht so. Mich hat der Job gereizt: die Aufgabe, in einer Stadt mit einer so eigenen Kulturszene wie Bayreuth eine zeitgemäße Form von Kulturjournalismus zu finden, in der Zeitung und im Internet, nach dem Motto: Wenn’s dir nicht gefällt, mach neu.

Das Spannende daran ist der Spagat, den Bayreuth schaffen muss: zwischen der Kleinstadtkulturszene, mit sehr viel Leidenschaft, aber ohne Profi-Ensembles, der sogenannten kulturellen Grundversorgung durch Gastspiele aus anderen Städten – und den Bayreuther Festspielen, die regelmäßig in einem sehr kleinen Zeitfenster auch überregional Aufmerksamkeit erregen. Darüber zu berichten, und zwar für eine Leserschaft, die selbst sehr gut über Bayreuth Bescheid weiß – das ist wirklich fordernd. Darin stecken so viele Geschichten, Konflikte und Chancen, dass man als Journalist unmöglich alles schaffen kann. Dass Lokaljournalismus – und lokaler Kulturjournalismus – oft ein so schlechtes Image hat, liegt schon auch daran, dass er sich’s manchmal zu leicht macht.

Seit zwei Jahren hinter einer Fototapete versteckt: das Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth

Seit eineinhalb Jahren hinter einer Fototapete versteckt: das Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth

In letzter Zeit hat Bayreuth in der überregionalen Presse ziemlich viel abbekommen – in der „Welt“ wurde die Stadt zum Beispiel als „urdeutsche Hölle“ bezeichnet. Viele Bayreuther haben sich darüber sehr aufgeregt. Ich habe mich nur gefragt: Warum gerade jetzt? Im vergangenen Jahr hätte ich es eher verstanden, da feierte Bayreuth den 200. Geburtstag Richard Wagners – und stellte sich bei vielen Projekten ziemlich ungeschickt an, was ich dann auch immer wieder zum Thema gemacht habe. Das künstlerische Programm zum Wagnerjahr war mau, das Festspielhaus eingerüstet und das Wagner-Museum eine Baustelle – das war eine ziemliche Blamage für die Stadt.

Ich glaube, dass all das auch, aber nicht nur mit dem Faktor „Provinz“ zu tun hat. Ich denk da nur an den Berliner Flughafen oder die Elbphilharmonie. Allerdings habe ich schon das Gefühl, dass man in Bayreuth lieber unter sich bleibt, anstatt sich Know-How von außen zu holen. Meine Rolle sehe ich dann darin, zu sagen: Da wäre mehr drin gewesen. Die Welt endet nicht hier hinter dem Talkessel.

Interview und Protokoll: Felicitas Wilke

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