„Die Provinz braucht Querdenker.“

Dietmar-Maria „Dimitri“ Hegemann ist in Ostwestfalen aufgewachsen. 1978 kam er nach Berlin, wo er verschiedenen Tätigkeiten in der Kunst- und Kulturszene nachging. Unter anderem organisierte er die Berlin Atonal Festivals, gründete das DaDa Lokal FischBüro und das Plattenlabel Interfisch Records und inszenierte Clubs und Restaurants, darunter den legendären Technoclub „Tresor“. 2012 rief Hegemann die „Happy Locals“ ins Leben, eine Agentur, die der Abwanderung der Jugend aus der Provinz entgegenwirken will.

Dimitri Hegemann (Foto: Marie Staggat)

Dimitri Hegemann (Foto © Marie Staggat)

Die Provinz ist für mich eigentlich ein Sehnsuchtsort. Ich mag das gerne dort. Früher, als ich noch in Ostwestfalen gelebt habe, war die Provinz vielleicht auch eine Art Schutzraum für mich, weil mir dort alles vertraut war. Aber irgendwann ging sie mir auf den Wecker, weil sie mich immer wieder einschränkte in meinen Plänen von einem anderen Leben. Und dann bin ich in die Großstadt gegangen, nach Westberlin, und fand das dort auch richtig gut und befreiend. Weil ich dort das bekam, was ich suchte.

Zu Hause wurden wir damals überhaupt nicht ernst genommen. Ich war total begeistert von der Studentenbewegung, deren Ausläufer ich noch mitbekommen hatte, und wollte natürlich auch die Welt verändern. Es gab da ein einsames, leer stehendes Herrenhaus in unserem Heimatort, das wollte ich mit ein paar Freunden umbauen und dann darin leben. Aber solche Ideen stießen auf Granit. Uns verstand einfach keiner, und nahm keiner ernst, diese langen Haare und dann unsere Pläne, Musiker zu werden, oder Naturforscher. Wir waren einfach ein bisschen quer. Aber diese Querdenker, das denke ich heute, sind so wesentlich, damit eine Stadt blüht, damit sie interessant ist und damit man sich dort wohlfühlt.

Deshalb sind damals so viele „Dorftrottel“ wie ich aus der deutschen Provinz nach Berlin gegangen, weil man sie in ihren Heimatorten weggeschoben hat. Wir alle wollten ja nur den Freiraum finden, in dem wir die alternativen Lebensentwürfe, die in unseren Köpfen herumspukten, verwirklichen konnten. Hätte damals in meinem Heimatort jemand zu mir gesagt: Mensch, toll, was ihr da vorhabt, hier, nehmt das Haus, wir helfen euch mit dem Strom oder so – diese Wertschätzung hätte unglaublich viel ausgelöst. Ich wäre nie von dort weggegangen, ich war ja eigentlich glücklich dort. Wir wären alle in der Heimat geblieben und hätten sie verändert und das hätte ihr gutgetan. Stattdessen wandern die jungen Macher alle ab, damals wie heute.

Hier kommen die „Happy Locals“ ins Spiel. Bei uns machen Kulturschaffende aus ganz Berlin mit. Unser Anspruch ist es, zwischen den Jugendlichen und den Entscheidungsträgern, also zum Beispiel Bürgermeistern, zu vermitteln. Wir machen Workshops, in denen wir mit den Jugendlichen zusammen versuchen, Räume zu finden, in denen sie sich austoben können. Und bei den Jugendlichen kommt das immer super an, aber die Entscheidungsträger haben Angst vor diesen jungen Wilden. Oft sind diese Entscheider Menschen zwischen Mitte 40 und 60, die total verkennen, welches Potenzial in den jungen Leuten steckt, die eigentlich die Stadt vor der Verödung retten können. Und wir wollen diesen Menschen klarmachen, dass es okay ist, wenn sie mal nicht alles unter Kontrolle haben, was die Jugend tut.

Wenn ein junger Mensch erwachsen wird, dann will er sich doch erst mal abgrenzen, seine Kreativität ausleben, einen eigenen Raum schaffen. Und dann bauen die da für sehr viel Geld irgendein Jugendzentrum und streichen alles weiß an und setzen neben einer neuen Tischtennisplatte einen völlig demotivierten Sozialarbeiter da rein, der eigentlich auch keinen Bock mehr hat. Die junge Intelligenz aber meidet diese Orte. Weil sie so „fertig“ sind. Diese totsanierten Räume lassen nichts mehr zu. Man muss den jungen Leuten unfertige Räume geben, mit denen sie etwas anfangen können. Gib ihnen Raum und lass sie machen, das ist mein Rat.

Wir haben auch eine Akademie gegründet, die Academy for Subcultural Understanding. Wir laden junge Menschen aus Passau oder Kleve nach Berlin ein und sie können bei uns lernen, wie man zum Beispiel ein Kino leitet. Oder eine Galerie, einen Club oder eine Agentur aufbaut mit wenigen Mitteln. Wir bringen es ihnen bei und sprechen auch mit den jeweiligen Bürgermeistern. Bedingung ist, dass sie nach erfolgreichem Coaching auch wieder zurückgehen in ihren Heimatort und dort die Welt retten.

Das Aufbauen dieser Strukturen macht mir Spaß. Und das ist auch wichtig. Wenn das so weitergeht, dass den Jugendlichen kein Raum gegeben wird, dass ihnen keine Wertschätzung zukommt, dann verschwinden sie einfach. Sie gehen in die Großstadt, obwohl sie zu Hause gebraucht werden. Das zu verhindern, daran will ich arbeiten. Deshalb habe ich die „Happy Locals“ ins Leben gerufen, um Einheimische glücklich zu machen mit machbaren, einfachen Tipps.

Interview und Protokoll: Johanna Popp

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