„Provinz bedeutet für mich Freiheit.“

Martina Bergmann ist 35 Jahre alt, Buchhändlerin und kommt aus Nordrhein-Westfalen. Studiert hat sie in Berlin, gearbeitet in Hamburg und München. Im ostwestfälischen Borgholzhausen hat sie in diesem Jahr ihren eigenen Verlag gegründet. Dort sollen vor allem Bücher erscheinen, die einen Bezug zur Region haben. Martina Bergmann über Gelassenheit, trockenen Humor und ihr „Kannstduhingehen“.

Martina Bergmann auf der Frankfurter Buchmesse. "Pium" - so nennen die Borgholzhausener ihre Heimatstadt.

Martina Bergmann auf der Frankfurter Buchmesse. „Pium“ – so nennen die Borgholzhausener ihre Heimatstadt.

Ich wollte schon immer einen Verlag gründen. Ich war noch nie ein Fan der Blockbuster, sondern finde kleinere Bücher eigentlich spannender. Und als irgendwann die Buchhandlungs-Ketten immer größer wurden und diese kleineren Bücher nirgendwo mehr unterkamen, da hab ich dann gedacht: Diese Bücher könnte ich ja machen. Nur: Die schönen Bücher aus meinem Verlag, die müsste ich dann auch irgendwo verkaufen. Und da hab ich beschlossen, das Feld sozusagen von hinten aufzurollen und erst mal einen Buchladen aufzumachen.

Ich komme zwar aus Westfalen und habe als Jugendliche auch mal zwei Jahre in Borgholzhausen gewohnt, aber es war nicht unbedingt mein Ziel, dorthin zurückzugehen. Aber ich mag die Gegend, weil ich mich mit der Mentalität der Leute auskenne. Die Menschen in Ostwestfalen gelten als verschlossen und sehr eigen. Sie reden nicht sehr viel, aber sie haben einen ganz besonderen Humor. Er ist nicht so prollig wie der Berliner Humor, auch nicht so schnippisch wie der hanseatische, sondern sehr verknappt. Ich finde das sehr lustig, aber man muss damit umgehen können.

Dass ich dann tatsächlich nach Borgholzhausen gegangen bin, war eigentlich Zufall. Wenn man irgendwo einen Buchladen eröffnen möchte, setzt das ja immer voraus, dass dort noch keiner ist. Ich habe also die ganzen Orte abgeklappert, um einen zu finden, der keinen Buchladen hat. Und dann kam ich nach Borgholzhausen, ganz niedlich ist es dort, viele alte Häuser. Da stand ein Mann vor einem Haus und schippte Schnee. Der Laden in dem Haus stand leer. Ich fragte den Mann: „Kann man den mieten?“, und er sagte ja. So kam ich nach Borgholzhausen.

Die Provinz bedeutet für mich vor allem eines: Freiheit. In den großen Städten ist das Verlagswesen sehr gut organisiert und strukturiert. Aber ich wollte ein paar Dinge ausprobieren. Und ich wusste: Hier in der Provinz kriegt erst mal keiner mit, was du da vorhast. Außerdem bedeutet Provinz Langeweile. Das ist aber nicht schlimm, im Gegenteil! Es gibt kaum Ablenkung und das ist total gut. Ich könnte überhaupt nicht so viel und so tief arbeiten, wenn das da nicht langweilig wäre. Aber es ist natürlich schon wichtig, dass ich über das Internet, über Facebook und Twitter mit der Außenwelt verbunden bin. Ich brauche den Kontakt zu meinen Geschäftspartnern, und mein Netzwerk in der Branche. Wenn es kein Internet gäbe, wäre ich da wahrscheinlich nicht hingegangen.

In der Provinz wird man sehr, sehr gelassen. Ich kenne alle meine Kunden, und die kennen mich und wissen, dass ich jeden Tag in meiner Buchhandlung bin. Und wenn ich zum Beispiel für einen Tag auf die Buchmesse fahre, dann kann es schon mal sein, dass jemand bei meinen Eltern anruft und fragt, warum ich nicht im Laden bin. Alles läuft ein bisschen ruhiger und langsamer und das tut mir gut. Und übrigens auch meinem Geschäft: Ich arbeite mit einem tollen Großhändler zusammen, der mir fünf Tage die Woche morgens um halb sieben die bestellten Bücher bringt. Die Post kommt aber erst nachmittags um drei. Ich bin also tatsächlich schneller als Amazon.

Im Bergmann Verlag erscheinen vor allem Bücher mit Regionalbezug. Wir hatten als erstes einen regionalen Krimi, eine Art historische Schauernovelle. Jetzt kommt bald ein Kräuterkochbuch mit Rezepten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, dann die Memoiren einer jüdischen Frau, die aus unserer Gegend nach Portugal emigriert ist. Es gibt ein sehr großes Angebot an Manuskripten. Ich glaube, dass Literatur mit Heimatbezug im Moment so gut funktioniert, weil die Leute ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit haben. Ich hab ja auch in Berlin gewohnt, in Hamburg und in München, aber kam dann nach Hause zurück und wusste, hier gehöre ich hin. Woanders war es auch schön, aber hier verstehe ich die Witze.

Ich sage gern: Borgholzhausen ist mein Kannstduhingehen. Die Ostwestfalen pflegen ja so ein typisches Understatement, die würden in einem tollen Restaurant nicht sagen, dass sie vom Essen begeistert sind, sondern sie würden sagen: Kann man essen. Und die Leute mögen meinen Buchladen, die kommen da hin, setzen sich aufs Sofa und reden miteinander. Und wenn ich höre, wie jemand meine Buchhandlung empfiehlt, dann sagen sie immer: Kannstduhingehen.

Interview und Protokoll: Felicitas Wilke und Johanna Popp

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