„Ich brauche kein blasiertes Publikum.“

Silvan Wagner ist 38 Jahre alt und Dozent für Germanistik an der Universität Bayreuth. In seiner Freizeit steht er aber auch mal als junger Troll Grendel auf der Bühne des Lichtenfelser Stadtschlosses. Nach seinem Studium in Wuppertal ist er in die oberfränkische Provinz zurückgekehrt – und will nie mehr weg. Silvan Wagner über „Provinz“ als Schimpfwort, einen kulturellen Abgrund und die Dankbarkeit des Publikums.

Silvan Wagner in seinem Garten in Ebneth

Silvan Wagner in seinem Garten in Ebneth

Im normalen Diskurs ist „Provinz“ mit Sicherheit ein Schimpfwort. Es ist etwas, das in unserer Gegend nicht sehr gern als Selbstbezeichnung hergenommen wird, aber es trifft schlicht und ergreifend zu. Gerade hier, im ehemaligen Zonenrandgebiet Oberfrankens, haben wir einen provinziellen Aufbau.

Hier ist meine Heimat. Ich komme aus Ebneth, Burgkunstadt, und wollte eigentlich nie weg. Ich bin dann trotzdem nach Wuppertal gegangen, um Musik zu studieren, aber ich hatte von Anfang an den Plan, zurückzukehren. Hier habe ich meinen Lebensmittelpunkt, meine Kontakte und auch jede Menge künstlerische Auftrittsmöglichkeiten. Ich bin als Komponist und Konzertmusiker tätig und beschäftige mich im Moment sehr viel mit der Interpretation von mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Musik. Außerdem habe ich vor achtzehn Jahren die Theatergruppe Bumerang mitbegründet und wir inszenieren jedes Jahr ein Stück, das meistens im Stadtschloss Lichtenfels aufgeführt wird. Gerade haben wir „Grendel“ gezeigt, ich habe das Stück geschrieben und auch Regie geführt.

Hier in der Provinz kann ich mich künstlerisch besser entfalten als in der Großstadt. Dort gibt es oft ein Überangebot an Kultur, was dazu führt, dass man noch weniger Publikum hat als hier, was schon ans Absurde grenzt. Außerdem gibt es einen riesigen Unterschied, was das Interesse des Publikums angeht. Wenn ich in Köln oder Düsseldorf aufgetreten bin, habe ich oft den Eindruck gehabt, dass die Leute schon alles zu wissen glauben. Sie ordneten alles sofort in bestimmte Schubladen ein. Ein richtig intensives Interesse an Kunst und eine grundsätzliche Neugier finde ich schon eher hier in der Region. Ein Beispiel: Wir haben hier mal ein Dramolett von Rainer Maria Rilke aufgeführt, die „Weiße Fürstin“. Und unsere Nachbarin, eine einfache Frau, hat sich im Vorfeld dieses Dramolett gekauft und durchgelesen. Als Vorbereitung. Das ist Wahnsinn! Die geht sonst nicht ins Theater. Das ist eine Eigenheit der Provinz, die ich nicht missen möchte. Ich brauche kein blasiertes Publikum. Klar, auch hier gefällt den Leuten nicht immer, was wir machen. Bei der Premiere von „Grendel“ sind auch zwei Leute in der Pause gegangen. Aber allgemein habe ich das Gefühl, dass die Menschen hier sehr dankbar sind, dass wir etwas qualitativ Hochwertiges in der Region machen. Kulturell tut sich hier nämlich nicht nur eine Lücke auf, sondern ein großer Abgrund.

Silvan Wagner singt „Ain Mensch“ von Oswald von Wolkenstein

Natürlich fehlt mir hier auch so einiges. Zum Beispiel eine gute Presse, Journalisten, die auch ein bisschen was von Schauspiel verstehen, wenn sie eine Kritik über uns schreiben. Und ein größeres Engagement seitens der Politik, was Kunst angeht. Wir sind sehr dankbar, dass die Stadt uns unterstützt und dass wir hier als Theatergruppe spielen dürfen, aber es interessiert eigentlich überhaupt keinen der Kommunalpolitiker, was wir hier machen. In zwei Jahren haben wir zwanzigjähriges Jubiläum und manchmal fragen uns die Politiker, die etwa bei unseren Events ein Grußwort sprechen, ob wir hier gerade zum ersten Mal auftreten. Das ist schon schade.

Ebneth in Oberfranken

Die Gegend um Ebneth in Oberfranken

Trotzdem will ich hier nie mehr weg – wenn’s nach mir geht. Leider habe ich einen Beruf, in dem ich sozusagen zur Karriere gezwungen bin. Das heißt, wenn ich eine Professur irgendwo in Deutschland kriege, muss ich verfügbar sein – was nicht geht. Ich habe hier eine Familie gegründet, ich habe ein Haus, ich kann nicht einfach weg von hier. Ich hab also keine Ahnung, wie das funktionieren soll, aber ich lass das einfach auf mich zukommen. Dieser berufliche Zwang wäre der einzige Grund für mich, Oberfranken noch mal zu verlassen.

Text von Silvan Wagner vorlesen lassen

Mehr zu Silvan Wagner und der Theatergruppe Bumerang

Interview und Protokoll: Johanna Popp

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